Der Syngenius, Ausgabe 27
Unbequeme Wahrheiten – direkt oder subtil?
„Stell dir vor, was einer meiner Kunden heute zu mir sagte“, erzähle ich meiner Frau beim Abendessen. „Er meinte: ‚Was Sie mir da zu Social Banking raten, ach ja … dass ihr Berater einem immer Dinge sagen müsst, die man im Prinzip selbst weiß, aber eigentlich gar nicht hören will.’"
„Hmmmm“, macht meine Frau und stochert in ihren Gnocchi mit Zucchinicremesoße herum. „Vielleicht solltest du da etwas subtiler vorgehen bei deiner Beratung.“ – „Subtil? Auf gar keinen Fall. Nein, meine Beratung ist stets ehrlich und offen“, widerspreche ich vehement. „Schließlich sollen meine Kunden nicht zu interpretieren anfangen, wie ich dieses und jenes nun gemeint haben könnte.“ – „Aber vielleicht solltest du deinen Kunden die Wahrheit nicht mit einem nassen Handtuch um die Ohren hauen, sondern sie ihnen wie einen Mantel hinhalten, in den sie hineinschlüpfen können.“ Und grinsend ergänzt sie: „Am besten wäre es freilich, du würdest deine Kunden selbst auf das kommen lassen, was du ihnen rätst.“
„Entschuldigung, das ist mir jetzt zu hoch“, entgegne ich und leere demonstrativ mein Glas Wasser in einem Zug. Meine Frau zieht die Augenbrauen hoch, guckt mich bedeutungsvoll an und lehnt sich genüsslich zurück: „Du musst es einfach so machen wie ich. Wenn ich möchte, dass du den Rasen mähst, dann sage ich nicht ‚Mäh den Rasen’, sondern ‚Wir könnten doch wieder mal grillen!’ Dann kommst du wie von selber drauf, dass zuvor der Rasen gemäht werden müsste. Und ich stehe damit nicht als nervende Ehefrau da, die dir was sagt, was du im Prinzip selbst weißt.“
Ich bin sprachlos. Deshalb, liebe Kunden, jetzt sagen Sie doch mal was dazu: Möchten Sie vielleicht künftig lieber von meiner Frau beraten werden?
Das fragt freundlich grüßend
Der Syngenius

