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Mensch, werde wesentlich!
Am Wochenende war mein Neffe bei uns zu Besuch, zwölfte Klasse
Gymnasium, er schreibt gerade seine Facharbeit im Leistungskurs Deutsch.
Pflichtschuldigst las ich das Exposé über Betrachtungen zu Max Frischs
„Homo Faber“. „Irgendwie muss ich da mindestens 20 Seiten
zusammenkriegen, am besten 30, das macht Eindruck“, meinte er. Ich:
„Warum denn das?“ Er: „Ist doch klar: Je mehr Seiten ich abliefere,
desto ne bessere Note krieg ich.“
Auf dieses „Je mehr, desto besser“ wird unsere künftige Elite also
bereits in der Schule programmiert?! Wen wundert es da, dass meterlange
Prozessbeschreibungen und bibeldicke Ausführungen zu
IT-Service-Management heute in meinem Job gang und gäbe sind? Minutiös
wird darin jeder Handgriff erläutert, anstatt das Wesentliche auf den
Punkt zu bringen. Die wirklich relevanten Informationen müsste man sich
regelrecht herausdestillieren.
Deshalb sah ich es als meine Pflicht an, meinem Neffen eine Lektion in
Sachen „Qualität wächst nicht direkt proportional mit Quantität“ zu
erteilen. Ich kratzte meine gesamte literarische Bildung zusammen und
holte zum „oheim’schen“ Erklärungsschlag aus:
„Kennst Du denn nicht unseren guten alten Dichterfürsten Goethe, der
einst einen Brief entschuldigend mit den Worten einleitete: ‚Lieber
Freund, heute schreibe ich Dir viel, denn ich habe wenig Zeit’?! Genau
hier liegt der Hund begraben beziehungsweise findet sich des Pudels
Kern: Viel heißt nicht das Wesentliche! Doch dies war schon lange vor
Goethe bekannt. So heißt es bereits bei Shakespeare im Hamlet: ‚Weil
Kürze denn des Witzes Seele ist, Weitschweifigkeit der Leib und äußre
Zierat, fass´ ich mich kurz.’ Wie Du weißt, geht darauf das bekannte
Sprichwort ‚In der Kürze liegt die Würze’ zurück!“ – Ich war stolz auf
mich.
Mein Neffe schwieg eine Weile. Dann fragte er: „Meinst du nicht, dass
diesen Gedanken am treffendsten Angelus Silesius formuliert hat?“ Meine
literarische Bildungsfassade stürzte zusammen, ich hatte diesen Namen
noch nie gehört. „Mensch, werde wesentlich“, erläuterte mein Neffe. „Ähm,
… genau“, stammelte ich, „ ... genau das wollte ich sagen.“
Es grüßt kurz und freundlich
Der Syngenius
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